MAUERSPRANG

Natürlich war Ulf heute etwas verwirrt, wo ihn doch das Gestein angrinste wie ein Auenvogel. Fliegen konnte er aber immer noch nicht. Das hatte ihm auch Hitza bestätigt. Hitza hatte oft gewarnt, dass man fallen könne, wolle man fliegen. Auch im Steigen liege das Fallen, per se. Per se oder per See?, dachte nun Ulf, als er die Bernauer Straße im Glanz der Fassaden vor sich hinduseln sah. "Hey, Bernauer!", rief Ulf, "wach doch endlich mal auf!" Aber die Bernauer schlief weiter. Schließlich ruckelte sie, die Straße, etwas mit der Teilröhre, die oben auf der Mauer immer ja lag, als runder Obenabschluss, und sagte dann: "Ich war Fassade als Grenze, vergiss es nicht!" Schon schlief sie weiter. "Bernauer!", rief Ulf, "ich werde dich zuscheißen, habe ich dir das schon mal gesagt!?" Die Bernauer lachte laut auf. "Im übertragenen Sinne war ich über Jahre und Jahrzehnte zugeschissen! Wisse das! Und nun kommen die Mauertouristen. Wie habe man die denn zu nennen?" Ulf weinte daraufhin. Dann rief er Hitza auf seinem Smartphone an: "Du, Hitza, die Bernauer ist richtig fies zu mir!" Da fragte Hitza: "Bist du denn jemals geflohen, du feiger Ling? Ulf? Na?" Ulf horchte in sich hinein: "Hitza, ich bin immer vor mir selbst geflohen. Was sollte ich da noch über die Mauer hupsen?!" Hitza sprach ins Gerät: "Hopsen, nicht hupsen! Egal, auch dich mag irgendwer aus der alten DDR". Ulf wollte wissen: "Wer denn?" Als Hitza sagte. "Es ist Mittag", schaute er auf die Uhr. Dabei meinte Hitza doch eigentlich jenen Günter Mittag, der aber verstorben schien. (12:31 Uhr MEWZ, 9.11.2019)

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